Früh aus den Federn und alles für eine winterliche Wanderung eingepackt. Frostiger Morgen wartet vor der Tür. Im ersten Tageslicht wird ein anfänglich klar scheinender Himmel schon bald von Nebelwänden verdeckt, die die Erhebungen links wie rechts der Bahnstrecke herunterwallen und die Baumgerippe umgarnen. Der Zug rattert vor sich hin. Es ist Februar, und es ist 2003.
Dem strengen Nachtfrost folgt eine schneidende Kälte mit
einigen Minusgraden. Doch die Luft ist trocken und klar. Ich
schnüre den Schal enger und ziehe die Mütze fest über die
Ohren. Der HW 2 beginnt am Bahnhof, eine hölzerne Tafel
illustriert die Hauptwanderwege des Schwäbischen Albvereins.
Auf dem Südrandweg sind es bis Sigmaringen etwas über 50 km,
mit ein paar Abkürzungen sollte das in zwei Tagen machbar
sein. Die Schneeverhältnisse sind allerdings noch unklar, und
schon die ersten Schritte in Tuttlingen auf zwar gestreuter,
aber dick vereister Fläche mahnen zur Vorsicht.
Der gut markierte Weg führt am südlichen Donauufer eine Weile
durch die Stadt ostwärts, vorbei an Sportanlagen und
schließlich links am Krankenhaus die Anhöhe hinauf. Scharf
rechts der erste kleinere Anstieg auf einen Feldweg. Der Wald
ist tief verschneit, doch der Weg noch gut gespurt. Der
trockene Pulverschnee knarzt. Nach etwa einem Kilometer geht
es links durch das Brunnentäle hinauf auf die Anhöhe. Ein ans
Kreuz geschlagener Christus silhouettiert in einiger
Entfernung vor dicht aufwallendem Nebel. Ein beinahe alpines
Szenario bietet sich: Weite geschwungene Schneefelder zwischen
frierenden Fichten, drei Schneemänner grinsen mir zu. Der
Schnee verschluckt jeden Laut, nur vereinzelt höre ich einen
Vogel zwitschern. Eng am Waldrand entlang, an den
Sengenbühlbuchen und zwei freundlichen Förstern vorbei geht es
das Rottweiler Tal querend durch ein enges Tal hinauf zum
bewaldeten Wirtenbühl. Ich komme langsamer voran: der Schnee
liegt hoch, die eingesunkenen Fußstapfen eines anderen
Wanderes erweisen sich als Glücksfall.
Bisher nur wenig Pause gemacht. Am Bergsteig genehmige ich mir
unweit des Gasthofes am AP eine Rast von zehn Minuten. Dann
aber muss ich mich sofort wieder bewegen. Es hat den ganzen
Tag leichte Minusgrade ohne Sonnenschein. Unter mir liegt die
geschwungene Donau. Mein Not-Wasser ist eisgekühlt. Ich
entscheide mich für den Talradweg, der nicht unwesentlich
schwieriger zu laufen ist. Ob es Asphalt ist oder Erde, ist
nicht ersichtlich. Der Schnee federt die Schritte ordentlich
ab.
Vorbei an den Versickerungsstellen, ein Rechtschwung führt zum
Gehöft Ziegelhütte. Links über der Donau ragt der Laibfelsen
auf, vor mir beäugt mich ein Hund skeptisch, der sich jedoch
sogleich trollt, als er feststellt, dass ich wohl nicht
beabsichtige, die friedlich fressenden Bio-Rinder zu klauen.
Der Weg führt in reizendem Schwung durch eine noch reizendere
Landschaft am Donaudurchbruch vorbei. Der ausgebrannte
Scheuerlehof gibt ein gespenstisches Bild ab.
Wie es wohl im Sommer ist, wenn sich Horden von
Wochenend-Ausflüglern durch dieses Tal drängeln? Gerade ist es
ziemlich einsam -- mir soll es recht sein. Allerdings ist es
auch kalt, und in der Schutzhütte am Wegesrand lässt sich eine
kurze Trinkpause einlegen. Dann weiter hinaus in den Schnee,
die Wiesente zur Linken nicken mir mit ihren geschwungenen
Hörnern zu. Die Donau plätschert gefällig vor sich hin.
Plitsch-platsch.
Kurz vor dem Jägerhaus verlasse ich das Tal und mache mich an den Aufstieg. Der Weg halbrechts über eine Wiese ist nicht markiert, oder der Schnee verdeckt sie. Aus dem Haus schaut eine Frau hinaus und schließt das Fenster. Sobald die Bewaldung wieder einsetzt, wird der Pfad zum gefrorenen Bach: das Eis liegt wasserfallartig über den kleinen Steinen. Die leichten Steigeisen sind hier ziemlich nützlich. Die Jägerhaushöhle macht mit ihren gewaltigen Eiszapfen einen gefährlichen Eindruck. Es schneit wieder leicht. Auf der lichten Anhöhe geht es bald links, der Weg ist dank einer Spur leicht zu verfolgen. Ein Blick zurück fällt auf das Schloss Bronnen auf der Höhe. Ich lasse es hinter mir und stapfe über die Ebene in den Wald, hinein in das tief eingeschnittene Liebfrauental.
An der Ave-Maria-Hütte vorbei halte ich mich rechts und steige hinauf zur Straße nach Beuron. Die Klosteranlage ist nicht zu übersehen. Waldarbeiter forsten ab. Am Ortseingang geht es gleich wieder rechts hinauf in den Wald. Die Abzweigung zum AP Alpenblick lasse ich sein, der zähe Nebel lässt die Hoffnung auf Alpensicht im Stich. Ich steige über frisch gefälltes Gehölz, es ist ein recht steiler Anstieg. Über den Peters- und Paulsfelsen führt der Weg auf ein kurzes Stück Forstweg, dann vor der Weiterführung Richtung Altstadtfelsen geht es scharf rechts in Richtung Wildenstein. Hier ist der Pfad so tief verschneit, dass der Schnee von den Bäumen bereits in den Bodenschnee übergeht. Eine Treppe führt durch ein kleines Tal, der Weg mündet schließlich in einen weiteren Forstweg hinaus zum Wanderparkplatz Wildenstein. Hier geht es links durch ein Baum-Spalier in einer Allee zur Burg Wildenstein. Sie liegt einsam da, doch ein Auto kündet von Behausung. Über zwei Brücken erreiche ich schließlich die Holztür des Hauptgebäudes und melde mich zur Übernachtung an. Ich bin der einzige Gast.
Die Waschräume liegen über den verschneiten Hof im Keller. Das Zimmer ist klein, mit Blick hinüber zum Bandfelsen. Die Nachtspeicherheizung hat ihre Wärme bereits komplett abgegeben. Es ist kalt, und ich ziehe alles an, was ich an Kleidung dabeihabe. Niemand aufzutreiben, der heizen könnte. Die als Zivis verkleideten Burgknappen haben Feierabend. Egal, ich mache kurz Notizen, und ruhe mich aus. Die Gedanken arbeiten nur langsam, die Beine sind schwer. Ein genügsames Mahl aus Brot, Käse, Nüssen und Wasser stellt mich vollkommen zufrieden. In meditativer Ruhe lasse ich mich treiben und finde mein Heil in der tiefen Erschöpfung. Um halb acht lösche ich das Licht.
Ein wunderbares Gefühl, die eigene Körperlichkeit so zu
spüren. Elementare Grundbedürfnisse nach Nahrung und Wärme
reichen vollkommen aus zum Glücklichsein. Die Erholsamkeit des
Schlafes ist nie mehr erfahrbar als bei großer Erschöpfung,
die Stillung des Hungers nie befriedigender als bei Zuführung
einfachster Kost nach einem Tag in der Natur. Das Frühstück
ist reichlich, der Speisesaal genauso, wie ein Speisesaal in
einer alten Burg zu sein hat. Die Magd reicht mir noch ein
großes Stück Käse für den Weg.
Der Abstieg beginnt beim Verlassen der Burg gleich links nach
dem Haupttor (Roter Dreiblock). Der Weg über den HW 2 ist für
meine Physis mit knapp 30 km zu lang, zumal bei höchst
winterlichen Verhältnissen und felsigem Terrain. Leichter
Schneefall. Der Kartenvergleich mit dem Talblick fördert es
zutage: ein tiefes, enges Tal will gleich am Anfang durchquert
sein. Ein märchenhaft verschneiter Wald macht die Anstrengung
wett, doch ich schwitze schon mächtig beim Steil-Aufstieg.
Vielleicht hätte ich doch vorher etwas mehr Sport machen
sollen, ein Sonntagsspaziergang wird das heute nicht werden.
Aber da keuche ich nun und kann nicht anders. Soweit die Beine
tragen. In etwa hundert Metern Entfernung springen zwei Rehe
umher. Ich verharre still und beobachte sie ein paar Minuten,
bis sie weiterhupfen. Den Bandfelsen lasse ich links liegen
und folge der Markierung in den dunklen Wald. Hier ist der Weg
teilweise nur schwer erkennbar, ich folge einfach den
Fußstapfen -- diesmal sind es nur ein Paar Füße, die dieses
schwierige Terrain durchschaufelt haben.
Am Hohlen Felsen eine hervorragende Sicht auf das
gegenüberliegende Schloss Werenwag. Weiter geht es durch den
Zauber-Schnee-Wald, einen Forstweg querend, bis zu einer
Kreuzung. Links zweigt die Raute ab, hinüber zum
Bischofsfelsen. Ein äußerst steiler Abstieg bis auf den
Waldrand schließt sich an. Unten auf dem Weg über die Wiese
nach Hausen muss ich die Augen fast schließen, so bläst der
Eiswind über das helle, trotz des eher trüben Wetters
blendende Schneefeld. Vor der Donau entscheide ich mich für
eine Strecke auf dem Talweg, denn bis Sigmaringen ist es noch
weit, und im verschneiten Wald geht es zu langsam voran. Dafür
aber liegt auf der Strecke mehr Eis als Asphalt. An den
imposanten Schaufelsen auf der gegenüberliegenden Seite vorbei
geht es in einem Rechtsschwung bis zur Neumühle.
Noch ist nicht die Hälfte der geplanten Wegstrecke geschafft: Knappe 25 km nimmt die Tagesetappe von Juhe zu Juhe in Anspruch. Doch schon bei der Neumühle nach 11 km habe ich mit meiner miserablen körperlichen Verfassung zu kämpfen. Es geht schlechter voran als gestern. Eine kurze Vesperpause an dem vorgelagerten Holzschuppen gibt mir etwas Kraft und Mut zurück. Als ich losgehe, friere ich leicht. Ich muss mich schneller bewegen. Hinter der nächsten Kurve biege ich nach rechts wieder in den tiefen Schnee ab. Der langgezogene, aber sanfte Anstieg gibt mir die nötige Wärme zurück. Oben sehe ich ein weiteres Reh davonhuschen. Diesmal ist es schneller als ich. Der Wald wird lichter. Mein rechtes Knie schmerzt bereits seit einiger Zeit leicht. Ich lege vorsorglich einen Stützverband an, um etwas Druck wegzunehmen.
Der kleine Ort Gutenstein kommt in Sicht. Ich bin wieder 200 Meter
tiefer auf 600 Meter heruntergestiegen. Durch den Ort hindurch geht es
am östlichen Ende wieder hinauf durch Wald, einen Hügel
querend, hinunter nach Dietfurt, dessen Ruine links liegen
gelassen wird. An der Hauptstraße bringt mein Kartenzücken
mich in ein Gespräch mit einem älterem Einwohner, der als
Alternative eine langgezogene Schleife nach Inzigkofen
anbietet. Entgegen seinem Rat entscheide ich mich für die
nördliche Route, um Gebrochen Gutstein passieren zu können.
Der Weg führt über die Straße über Donau und Bahn, unterhalb
des Schmeirer Berges entlang zur Ruine Gebrochen Gutstein. Ein
Zug dampft unter der Brücke gen Norden. Mittlerweile sind arge
Schmerzen im rechten Knie die Ursache für leichten Unmut des
Wanderers. Gramgebeutelt durch die katastrophale physische
Vorbereitung auf die Tour entscheide ich mich für die
Diretissima auf der Straße. Der dem Ort Inzigkofen
vorgelagerte Ort ist bereits lange verlassen, der nächste Bus
fährt in zwei Stunden. Ein älteres Ehepaar erbarmt sich meiner
und nimmt mich ohne Zögern mit zu Aldi. Gescheitert!
Der Abend jedoch bringt die Situation in ein besseres Licht.
Der Weg per pedes wäre sowieso nur an der Straße durch dicht
besiedeltes Gebiet entlanggelaufen. Das Sigmaringer Schloss
macht Eindruck auf den erschöpften Wanderer. Doch mich
erwartet leider kein gemachtes Bett in selbigem, sondern ein
noch zu machendes schmales Stockbett in der Juhe. Wieder bin
ich der einzige Gast in einem Geisterhaus. Die Herbergsmutter
kocht mir ein üppiges Abendmahl, welches ich in mich
hineinstopfe und mich dann um neun Uhr abends zu Bett begebe.
Mein Geist ist rein.
Beim ersten Augenaufschlag und dem darauf folgenden
Beinschwung nach links geben alle das Knie umgebenden
Knochen ihren Unmut an die Synapsen bekannt,
die auch gehorsamst sofort die Ausschüttung von
Schmerzsignalen befehligen. Lieber also nichts übertreiben und
eine locker-flockige Wanderung in Angriff nehmen: ich nehme
folglich den Zug ein Stück nach Norden. Ich stücke früh
(reichlich), schnüre mein Gepäck und Gebäck und plausche mit
dem Herbergsvater über den Freizeitwert von Sigmaringen. Im
Sommer ist hier volle Hütte. Bis zur Abfahrt des Zuges
schmökere ich noch ein wenig im Warmen in alten Büchern der
Wanderjugendlichkeit, die im Regal stehen. Draußen schneit es
sanft.
Hinab zum Bahnhof, der Zug ist ein ganz kleiner. Fuchs
gesehen. Der nächste Halt ist Jungnau, hier steige ich aus und
gehe über den Bahnübergang rechts, dann geradeaus und an der
Abzweigung links in ein enges Tal ("Langes Tal"). Rechts
hinauf schlängelt sich der Weg in einen tief verschneiten
Wald. Die weiße Pracht dämpft jeden Laut: es ist still, sehr
still. Mein Atem bildet feine weiße Wölkchen. Am Scheinenberg
vorbei, geht es nach dem Wald und einen Müsliriegel später auf
eine freie Ebene bis Hochberg auf etwa 800 m Höhe. Der Weg ist
durch den tiefen Schnee schwer auszumachen auf den letzten
Metern.
Durch den Ort hindurch geht es nach Norden ein Stück an der
Straße entlang, und gleich als sich die ersten Fichten wieder
an den Asphalt wagen, folge ich dem Weg ins Dichte rechtsab.
Der kartierte Wanderweg führt eigentlich ins Tal des
Egelswang, ich erwische aber aufgrund der so gut wie gar nicht
gespurten Piste die Langlaufloipe entlang der Höhe. Trotz
eines kleinen Umwegs sollte sich das bezahlt machen, denn wie
ich alsbald merken sollte, war im Tale fast kein Durchkommen
ohne Schneeschuhe. Als sich die Loipe in die falsche Richtung
wendet, fasse ich die Entscheidung, es über einen Stichweg mit dem
Tiefschnee aufzunehmen. Und der ist wirklich, wirklich
tief! Ich spure mich beschwerlichst und in harter
Kniearbeit durch den zum Glück nicht sehr nassen Schnee. Auch
die Tierspuren wirken so, als hätte es den Abdrückern keinen
Spaß gemacht. Für etwa 200 m brauche ich eine halbe
Ewigkeit.
Dann die Erlösung: ein geräumter Forstweg wird sichtbar,
nachdem ich über die meterhohen Schneehalden klettere. Aus dem
Wald geht es nach links, und schon öffnet sich eine große,
weiße Ebene mit kleinen Punkten, die sich schnell als
fröhliche Langläufer entpuppen. Zwei überholen mich und foppen
mich Zu-Fuß-Geher ein wenig. Meine Laune bessert sich.
Fröhlich wandere ich in der Mitte der Ebene nach links und
einen sanften Hügel hinab die geteerte Straße. Historische
Reste einer Befestigung lauern rechts im Wald, doch sichtbar
ist leider nichts mehr. Ich stelle mir ein altes Rittercamp
vor. Nachdem ich die Steigeisen wieder anschnallen musste, um
den Eisweg einigermaßen sicher laufen zu können, kommen die
ersten Häuser von Veringenstadt in Sicht.
Der Ort ist eingekeilt in Felswände, in der Mitte der alten Siedlung steht ein mächtiger Fels mit Kapelle. Die Schornsteine rauchen. Fachwerk über Fachwerk. Ich kaufe mir in einer Metzgerei eine Zeitung, etwas Gebäck und gehe entlang der Nordstraße in den neueren Teil, am Sägewerk vorbei, unter der Bahnlinie hindurch, bis zum Haus meiner heutigen Gastgeberin, die mir ein Zimmer mit Frühstück in Aussicht stellt und gleich mal heißes Wasser vorbeibringt. Eine Wohltat. Draußen fahren die Kinder Schlitten am Eishang, die Sonne traut sich endlich hinaus. Ich sitze am Fenster und mache nichts. Gedanken huschen hin und weg. Erstaunlich wie schnell die Zeit trotzdem vergeht.
Frühstück in sonnigem Zimmer. Prächtige Laune. Ich verabschiede mich sehr herzlich und erklimme den Hügel im Städtchen. Die Häuser stehen sehr eng, von oben wirkt das sehr lieblich, in der Tat. Kurz in die Göpfelsteinhöhle gekuckt. Auf der Höhe geht es weiter, in ein weites, helles Feld. Ahhh, Sonne auf mein Haupt! Die Wärme, die Luft, die Ruhe. Ein ausgedehnter Waldspaziergang führt mich zu guter Letzt aus dem Tale in die Höhe, und hinter der Hügelspitze tauchen die Häuser von Benzingen auf. Zur Kirche sind es nur noch ein paar Schritte. Ich werde erwartet.