#:~/home/literatur/

Glamouröser Geschlechtsverkehr mit modischen Frisuren

Wie wahr sprach Erasmus in seinem berühmten Lob der Torheit: "Ist das nicht der einzige Zweck des Putzes, der Schminke, des Bades, der Frisur, der Salben, der Wohlgerüche uns so vieler anderer Kunstmittel, die sie anwenden, um ihr Gesicht zu verschönern, ihre Augenbrauen zu malen und ihre Haut zu pflegen? Sind die Frauen den Männern etwa aus einem anderen Grunde mehr lieb und wert als um ihrer Torheit willen?"
MEHR VIELFALT! MEHR AKTUALITÄT!! MEHR SERVICE!!! schreit es großflächig von den Plakatwänden des U-Bahnhofes meines Vertrauens. Dabei schaut eine junge Dame erwartungsvoll vom Cover eines neuen Magazins für die Frau von heute.
Endlich! Gerade noch gedacht, die Werbung sei endgültig zur endlosen Parodie ihrer selbst verkommen, schon lohnt es sich wieder zu leben. Wie warm klingen doch dem wartenden Fahrgast im grauen faden Arbeitsalltag die Worte in den Ohren: Vielfalt! Aktualität! Und Service! Dermaßen verzaubert und vollends unbeeindruckt von der eigentlichen Zielgruppe rannte ich zum Kiosk und wurde nicht enttäuscht: vielfältige Mode, aktuelles Make-Up und service-orientierte, glamouröse Frisuren sind doch mal innovative Themenkomplexe, die die Frau von heute lesen sollte.

Sexy Haare! "Woman denkt" verrät uns eine sympathische Hand-Schrift über einem femininen Fuß, der aus einer Badewanne lugt. Ja woran denkt sie denn? Wie die Frisur sitzt? Was der Freund zur neuen Unterwäsche sagt? Dass für nur etwa 5 Prozent des internationalen Militärbudgets die Grundbedürfnisse aller Menschen wie sauberes Wasser, Gesundheitsbetreuung, schulische Bildung und ausreichende Nahrung gesichert werden könnten? Ob die 379 Mrd. Dollar (in Worten: dreihundertneunundsiebzigmitneunnullen) des US-Verteidigungshaushalts doch lieber für topmodische Frisuren anstatt für hässliche Panzer ausgegeben werden sollten?

Nicht doch! Unzweifelhaft sorgt das sorgfältig gestaltete Printmedium endlich wieder für Klarheit und reine zarte Frauengehirne. Artikel wie "Sex-Umfrage! Was Männer im Bett wirklich wollen" legt man seiner Freundin, Lebensgefährtin oder Frau doch gerne unauffällig neben das Kopfkissen.
Und was sagt Erasmus? "Die Frauen erfreuen eben allein durch ihre Torheit. Die Wahrheit dieses Satzes wird der nicht bestreiten können, der sich überlegt, was für albernes Zeug jedesmal ein Mann mit einer Frau schwatzt und anstellt, wenn er die Freuden eines Schäferstündchens genießen möchte."
Ich habe mein Exemplar deswegen auch gleich verschenkt. An meine Nachbarin.

Die Zitate stammen aus der 7. Auflage (DDR-Ausgabe) von 1985 (Reclam, Leipzig)

Daniel Zimmel 2007 | automatically validated by PSGML  | last modified 20/06/03 (11:00)