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Schaut, wie sich der Regen biegt!

Mit feuchter Luft, frischem Wind und allerlei möglichem wie unmöglichem Spektakel hält der Herbst Einzug in deutschen Landen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Obwohl so ziemlich jeder über das Wetter klagt, sei es die viel zu heisse Sonne, oder der dreckig-lumperte Schnee, der sich stumm in die schlechtsitzenden Städterschuhe frisst, oder als Topfavorit natürlich der Regen. Dabei verhältnisst es sich krass miss, dass der Sonne dann doch der Vorzug gegeben wird. Dabei ist ein Sauwetter doch um einiges angenehmer als eine Schweinehitze. Ich jedenfalls falle bei Temperaturen über 35 Grad regelrecht aus.

Aber ich will keine Klagen mehr hören, denn ändern kann man zwar sich selbst oder den eigenen Haarschnitt, doch beim Wetter hat das jeglichen Sinn Regenbogen verloren. Andersherum jedoch wird ein Schuh draus: wird aus der Angewidertheit und den heruntergezogenen Mundwinkeln ein Lächeln, so kann man seinen Mitmenschen stets vor Augen führen, wie dumm sie sich verhalten. Dankbare Erwiderung spricht aus ihren Augen, freundliche Töne schalmeien da auf einmal umher: "Jemand wie Sie, der so freundlich bei dem Sauwetter lächeln kann, den sollt es öfter geben" flüstert es in der U-Bahn neben mir. Ein bisschen Wärme in der Rush-Hour, üblicherweise geprägt von tristen Gesichtern, und der kalte November-Regen wird zu eine silbernen Schleier der Vernunft, welche langsam wieder in die von Regenklagen erweichten Gehirne einzieht.

Ich habe innerhalb der letzten sechs Tage exakt drei Regenbogen erhascht, die sich alle von Boden zu Boden erstreckten. Und was für welche! "Wuuusch!", so bogte es sich über mir, dass die Sonne dagegen alt aussah. Zugegeben, ohne Sonne wäre ja so ein Regenbogen auch nix Rechtes, aber Regenbogen wölben sich nun mal entgegen der Sonne und sind trotzdem toll. Wunderlich im Grunde, warum die Leute alle einfach blind durch die Gegend latschen, möglichst schnell nach Hause, vor die Glotze und nach schlechten Nachrichten aus der nahöstlichen Weltkarte lechzen, die ihrem faden Leben wieder Gelegenheit gibt, interessant zu werden. Dabei gibt es doch kaum ein ansehnlicheres Spektakel wie einen Regenbogen. Noch bei der totalen Sonnenfinsternis im August 1999 zogen die Massen durch die Städte, durch die Felder, Wurstbuden machten große Gewinne, keiner ohne Spezialbrille auf den Augen um dann im entscheidenden Moment diese abzuziehen und "Spektakulös!" oder "Entzückend!" zu rufen, gefolgt von applaudierendem Handgemenge. Gut, ich habe mich auch dazu hinreissen lassen, ist es doch eine höchst seltsame Erfahrung gewesen. Aber Regenbogen interessieren wieder keine Sau. Dabei sind die so häufig nicht, und Spezialbrillen braucht man dafür auch nicht. Warum sind eigentlich Verkehrsunfälle auf der Autobahn beliebtere Zuschauermagneten als Regenbogen?

Da schreit niemand "Ahh" und "Ohh". Dringt hier die Ignoranz des gebildeten Durchschnittsintellektuellen ans Tageslicht? Der sich aus Prinzip nicht solch irdischen Phänomenen hingibt? Sich nicht als animistisch beseelter oder gar unzeitgemäßer Naivling darstellen will? Ich tue das gerne. Und zwar auch aus Prinzip. Fünf Minuten einen Regenbogen in der Fußgängerzone anglotzen anstatt fünf Minuten fußgängerzonenmäßig konform mitzugleiten ist gelinde gesagt so einfach nicht. Doch nur so gelingt es, den konsumorientierten und im Fußgängerzonenstrom gefangenen Passanten zu einem besseren Menschen zu bekehren. Trauen tut sich nämlich keiner: "Wenn das meine Arbeitskollegen sähen, dann halten sie mich ja für doof: was glotzt der denn so dumm in den Himmel. Noch nie nen Regenbogen gesehen?". In der Tat dürften die meisten das mit Ja beantworten. Denn einen Regenbogen, den kennt man ja, so gelb-rot-blau-irgendwas, den braucht man ja nicht zu sehen. Denkste. Aus den Augenwinkeln sehe ich einen verschämten Blick nach oben, kindlicher Glanz blitzt kurz aus den Augen.

Dieser zugegeben etwas fragwürdige Text hat trotz aller Plänkelei aber eine richtige Grundfrage. Nämlich ob Drei-Regenbogen-sehen-in-sechs-Tagen irgendetwas zu bedeuten hat. Wenn das jemand weiß, dann bitte ich um Zusendung einer vertraulichen Botschaft.

Daniel Zimmel 2007 | automatically validated by PSGML  | last modified 20/06/03 (11:00)