Verletzungen mit Tintenstift sind besonders gefährlich
Beim Gang in die örtliche Stadtbibliothek begegnete mir am
Regal der Ausgesonderten ein vertrauenswert aussehender weißer
Mann, der einem kleinen Kinde über den Kopf streicht (oder ihn
auch am Ohr zwickt, das Kind schaut etwas besorgt, leider
nicht eindeutig zu erkennen); er zierte den Titel eines Buches
und obendrüber stand "rororo-Hausarzt".
Noch leicht
schmerzgepeinigt -- Tage zuvor bereits vom eigenen Hausarzt
als vorübergehend tablettenbedürftig diagnostiziert -- griff
ich zu, um das eigene Wohlbefinden und die Gesundheit durch
bessere Kenntnis der Gefahren zu erhalten. Der Inhalt
verkündet die großen Krankheiten und bietet kurze
Behandlungsvorschläge an. "Ein praktischer Ratgeber für die
Familie" auf dem Stand von 1958 zwar, aber dafür lustig
bebildert. Etwas verstörend wirkt das Kapitel über erste
Hilfe, das neben Schlangenbissen ("besser ausschneiden oder
ausbrennen"), Verätzungen ("Verletzungen mit Tintenstift sind
besonders gefährlich!") den Ersthelfer auch mit
Atombombenschäden vertraut macht, aber gleich warnt: "falls
eine radioaktive Vergiftung angenommen werden muß, umgehend
einen Arzt hinzuziehen." Besser wäre das.
Aber auch nützliche Tipps zur Prävention werden gegeben. Turnen und Gymnastik wirken Wunder als "Leibesübungen zur harmonischen Durchbildung des Körpers und zur Heilung des kranken Menschen", steht da, und zwei Jungs turnen in Schwarz-Weiss darüber. Regelmäßiges Training und behutsame Muskelstärkung statt tagelanges Sitzen und dann Extremsport aus dem Stand -- das hätte ich mir denken können. Aber da liege ich nun und kriege schlechte Laune. Zum Glück spendet das Buch etwas Trost. Es gibt nämlich richtig schlimme Krankheiten, dagegen wirkt das eigene Herumjammern wie Hohn.
Auch gilt es wirtschaftliche Folgen zu bedenken: "Die Tropenkrankheiten schädigen den Kolonisator, indem sie die eingeborenen Arbeitskräfte dezimieren und die Viehbestände vernichten" steht da auf S. 156. Es muss ein hartes Los sein in der Fremde: nicht nur das Nutzvieh, sondern auch der Nutzmensch geht durch Seuchen kaputt, schlimm! Die Geschlechtskrankheiten ("Vorsicht auf fremden Closets!") schnell weitergeblättert, gelangt man zu verschiedenen Muskelkrankheiten. Deren Folgen sind aber nun wirklich nichts für diesen Text. Entspannt legte ich das Buch zur Seite und betäubte meinen Schmerz mit einer weiteren modernen Pille aus der Pharmafabrik.