Der Bumerang der computerisierten Gesellschaft
Der Umgang mit dem Computer findet heute in einer Übergangszeit statt: vom kryptischen Tastaturkommando bereits weitgehend entfernt, führt der Weg über die Spracheingabe bis hin zur synaptischen Verschmelzung implantierter Hirnchips. So weit ist es allerdings noch nicht. Mit allen nur erdenklichen Schnörkeln werden immer neue Funktionalitäten vorgegaukelt, welche Altbekanntes umfrisieren und wahre Fortschritte in der Mensch-Maschine-Kommunikation verhindern. "Durch den ständigen Gebrauch von GUIs" (Graphical User Interfaces), schreibt Neal Stephenson, "haben wir unmerklich eine Prämisse geschluckt, die nur wenige Leute akzeptiert hätten, wenn sie ihnen geradeheraus präsentiert worden wäre, nämlich, dass schwierige Dinge leicht und komplizierte einfach gemacht werden können, indem man ihnen nur die richtige Benutzeroberfläche verpasst." (Die Diktatur des schönen Scheins, München 2002).
Wenn ich ein Programm aufrufen will, ist es dann nicht der einfachste denkbare Weg, einfach den Namen einzutippen, und ab geht der Spaß? Lange Zeit war das auch so, doch dann kam der Macintosh und setzte anklickbare Bildchen davor. Der Gelangweilte mag in wilden Klickorgien und der Suche nach den richtigen Knöpfen noch etwas Erfüllendes finden, der an ernsthafter technischer Unterstützung bei der Umsetzung seiner Ideen und Arbeit Interessierte findet jedoch immer schwieriger wirklich nützliche Werkzeuge. Der Terror der sich überlappenden Fenster ist eine seltsamsten Entwicklungen in der Geschichte des Personal Computers. Die heutigen Desktops speisen sich fast ausnahmslos noch aus der naiven Anfangswelt, als der Macintosh das multimediale Fensterln einführte. Dass das manuelle Müllraustragen mit der Maus in einen virtuellen Mülleimer geradezu als Revolution angesehen wurde, bestimmte eine ganze Generation von Usability Designern, die anfingen, alles mögliche so verdesktopisieren, und heute macht ihre Rachegöttin Überstunden, um niemanden davonkommen zu lassen ohne Knoten im Gehirn.
Nichts gegen ein bisschen Monitorästhetik. Nichts gegen die Maus an sich. Ja, sogar nichts gegen Fenster. Aber warum um alles in der Welt braucht es jedesmal nervenaufreibende Navigationsorgien durch Startmenus um ein neu installiertes Programm zu finden? Warum muss der Desktop mit Bildchen zugekleistert werden wenn es doch genügen würde, einfach eine Eingabeaufforderung bereitzustellen? Warum soll es komfortabel sein, ständig Fenster zu maximieren oder zu minimieren? Warum muss ich dreimal klicken, um überhaupt den ersten Buchstaben in das Adressfeld einer E-Mail schreiben zu können? Ja sicher, es gibt Shortcuts, aber die Schere zwischen Grafik und Tastatur hat sich meist so weit geöffnet, dass schon ohne Steuerungstasten gar nichts mehr geht: so steht man nackt und einsam vor der Wahl zwischen der blinden Maus und einer ihrer Mächtigkeit beraubten Tastatur.
Es geht auch anders. Ich benutze ein Mailprogramm, welches nichts anderes tut, als eben elektronische Post zu verschicken. Updates stopfen höchstens noch Sicherheitslöcher und verstopfen nicht die einfache Klarheit der Benutzeroberfläche durch überflüssige neue Gadgets. Will ich eine neue Mail schreiben, drücke ich ein M. Dann fragt mich mein Programm nach einem Empfänger, dann nach einem Betreff, und dann nach einem Text, ohne dass ich etwas anderes drücken müsste als die Returntaste. Für jede Funktion gibt es eine Taste, und da elektronische Post nunmal nicht sonderlich aufregend zu bedienen ist, ist man rasch in der Lage, auch dutzende von E-Mails schnell zu lesen. Ohne auch nur einen Augenblick die Maus geschoben zu haben. Mein Programm kennt keine Maus. Es geht gar nicht mal mit einer Maus. Die Programmierer sahen schlichtweg keine Notwendigkeit darin, ein Zeigegerät auf ein Programm aufzupfropfen, welches sowieso nur mit Text zu tun hat. In der Tat sollte man bei rationaler Betrachtung meinen, nur ein Wahnsinniger käme auf die Idee, bei einer solchen Funktionalitätsanforderung plötzlich mit einer Maus herumzufahren. Doch es ist so gut wie Alltag geworden, für alle selbstverständlich und normal. Die Maus hindert die Anwender gleichzeitig daran, sich einmal Gedanken darüber zu machen, wie effizient das Ganze Herumgefuhrwerke überhaupt ist. Die Maus verhindert den Fortschritt in der Entwicklung nützlicher Interfaces. Zugegeben: ein Grafikprogramm hat viele nützliche anklickbare Dinge. Ich klicke auch gerne mal auf Hyperlinks. Wozu ich aber keine Lust habe, ist das Stochern in schlecht programmierten Oberflächen, in denen man für die einen Funktionen nur die Maus nutzen kann, und andere nur unzureichend über Tastenkommandos zu erreichen sind. Die Mehrheit der bisher entwickelten Programme sind durch genau diese Tücken gekennzeichnet.
Die Vorstellung, die Usability von Oberflächen durch das Abbilden von analogen Prozessen der realen Welt abzubilden, ist kläglich an ihre Grenzen gestoßen. Anstatt sich einmal mit ordentlicher Computersyntax auseinanderzusetzen, will der durchschnittliche Computerbenutzer am liebsten nichts lernen und sich trotzdem optimal verstanden wissen. Solange wir noch nicht unsere Absichten per Gedankenübertragung an die Maschine weitergeben können, werden wir also weiter vor uns hin stümpern. Wer sich die Autonomie erhalten will, effizient arbeiten möchte und eine höhere Lernkurve nicht scheut, findet unter dem intellektuellen Output der Freien-Software-Entwickler brauchbare Alternativen: nicht perfekt, aber als Arbeitswerkzeuge einigermaßen nützlich.
Jeder will alles möglichst einfach haben. Aber kann man denn allen Ernstes erwarten, dass es einfacher sein soll, mit einer Handvoll maschinenlesbarer Anweisungen und Programmierschleifen zu kommunizieren, als mit einem menschlichen Gegenüber, dessen Sprache man nicht mächtig ist? Ja, eigentlich sollte man das. Warum auch nicht? Schließlich soll die Technik uns helfen und nicht an der Nase herumführen und alles nur noch komplizierter machen. Allerdings liegt der Tag der Erfüllung noch hinter dem Horizont. Weit dahinter.
Unter der Oberfläche der Bedienungsfreundlichkeit schlummert der Bumerang der computerisierten Gesellschaft, die Nemesis der Usability Designer, der schlimmste Alptraum seit Bill Gates. Sie verspricht ein einfacheres Leben und schafft doch nur die reine Ineffizienz.