Fragt mich doch alle, ihr Wegelagerer!
Wegelagerer ist ein hübsches Substantiv. "Könnten Sie mir den Weg zeigen?" -- "Gewiss, kommen Sie nur mit um die Ecke, da hab ich noch zwanzig gelagert!". Tatsächlich aber bin ich heute exakt vier Mal von völlig unbekannten Mitmenschen gefragt worden, und endlich bringe ich es über mich, meine Gedanken zu verschriftlichen, hoffend, ein Leser dieser Worte raunte mir beruhigende Sätze zu. Die Sache ist nämlich die, dass ich ständig nach dem Weg gefragt werde, und zwar in einem Maße, welches das allgemein akzeptierte Normalitätsempfinden als abwegig bezeichnen würde.
Eskaliert ist diese Situation allerdings erst am heutigen
Tage, als da wären eine ältere spanisch parlierende Dame auf
dem Weg ins Museo, ein verzweifelter junger Mann auf der Suche
nach Wohnungen, dazu ein Tischnachbar in der Mensa, der alles
über die hiesigen Angebote für sportliche Körperbetätigungen
wissen wollte; das alles innerhalb einer halben Stunde
Mittagspause. Als des Abends die Inspektion des leeren
Kühlschrankes noch zum Einkauf von zwei Litern Milch für das
Frühstück drängte (welcher eine Viertelstunde dauern sollte)
steckte ein Autofahrer noch seinen Kopf aus dem Fenster und
fragte nach der örtlichen höheren Schule. Eine Viertelstunde
nur um Milch zu holen! Spätestens da wusste ich, dass ich zu
einem höchst fragwürdigen Menschen im Wortsinne avanciert war.
Wo hatte das alles begonnen? Seit etwa einem Jahr schätzt mein
Zeitzentrum. Und wieso? Ein Wink des Schicksals? Stand ich vor
schweren Entscheidungen? War ich gar verliebt und merkte es
nicht? Immerhin sind das ja Fälle, in denen Zeichen erwünscht
sind. Doch wie ich es auch drehte und wendete und sogar
entschied, die elende Fragerei nahm kein Ende. "Wo ist
dies Krankenhaus?", "Wo ist das Kino?",
"Wo kann ich Wurst mit solcher Farbe kaufen?"
Zugegebenermaßen hielt sich meine Unkenntnis mit der Kenntnis
ganz und gar nicht die Waage, sondern drohte mit zunehmender
Unwissenheit vollends zu kippen. Was weiß denn ich, wo man
dies und das kaufen kann, liebe Dame? Heute wiederum wusste
ich alles, seltsamerweise. Das finale Zeichen gar?
Und warum fragen sie immer mich? Zielstrebig werde ich angegangen, angefahren, angeredet, selbst in pulkhaftem Getummel. Sehe ich denn allwissend aus? Sehe ich aus wie jemand, den man nach dem rechten Weg fragt? So würdig, gefragt zu werden, fragwürdig? Ach, fragt mich doch alle, ihr Wegelagerer, doch glauben müsst ihr selbst.