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Grundleidenschaften der Oktave: Charles Fourier (1772-1837)

Ich bin gekommen, um die Menschheit von dem Chaos der Zivilisation, der Barbarei und der Wildheit zu befreien, um ihr mehr Glück zu verschaffen, als sie je zu hoffen wagte, um ihr alle Geheimnisse der Natur zu enthüllen

Mangelndes Selbstbewusstsein kann man dem Autoren dieser Zeilen wahrlich nicht vorwerfen. In seiner Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen entwarf der Franzose Charles Fourier eine politische Utopie, die mit dem Wörtchen "wahnsinnig" nicht allzu schlecht umschrieben wäre. Doch der Wahnsinn und das Genie sind ja bekanntermaßen zwei gute Nachbarn, die sich schon mal das ein oder andere Mal zu einem Gläschen Tee im Garten treffen.
Fourier war sicherlich einer der wagemutigsten der Utopisten des 19. Jahrhunderts, einerseits ob seiner in der Tat seltsamen kosmologischen Hirngespinste verspottet als Idiot und andererseits von Marx und Engels ob seiner scharfen Analyse der tatsächlich miserablen gesellschaftlichen Umstände zumindest in Teilen gelobt. Insofern kann Fourier ohne weiteres als Vertreter eines radikalen Sozialismus gesehen werden, der auf nichts geringeres als einen (gewaltlosen) Sturz der frühkapitalistischen Gesellschaft aus war, philosophisch angereichert allerdings mit äußerst seltsamen Phantastereien.

"Soziale Harmonie" sei erreichbar vor allem durch die ungehinderte Entfaltung der allgemeinen Leidenschaften. Ausführliche Beschreibungen der zerstörerischen Auswirkungen des freien Handels als Verrat an den Bürgern gehen einher mit Beweisführungen der Nutzlosigkeit der institutionellen Ehe; gar unglaublich mutet die absolute Parteinahme für die benachteiligten Frauen an, welche in letzter Konsequenz jedoch umwerfend hellsichtig ausfällt. Die kapitalistische Produktionsweise, die in den Anfängen der Industrialisierung katastrophale Auswirkungen auf die Gesellschaft zeitigte, stellte Fourier an den Pranger. Dabei ging es ihm keineswegs um Egalitarismus, sondern eher um eine abstufende Verteilungsgerechtigkeit.

Schon bemitleidet man den Träumer ein wenig, da zückt er auch schon einen wahren Masterplan aus seiner Hosentasche. In detaillierten Beschreibungen wirft er uns Pläne an den Kopf, in der Landwirtschaft und Kultur gleichermaßen ausgearbeitet sind. Phalansteres, Phalangen heißen die Gebäudekomplexe, die Platz für 1620 Personen bieten, Arbeit, Kapital und Talent von allen für alle. Schwupps, schon macht die Arbeit wieder Spass, wir bilden ein paar Gruppen in "leidenschaftlicher Serie" und machen Liebe in quartettweiser Reihung.

Die zwölf Grundleidenschaften der Oktave sind noch nachvollziehbar. In kosmologischer Hinsicht allerdings wird das Terrain von Fourier ein wenig glatter. Sei der Erdkreis erst einmal bis zum sechzigsten Grad besiedelt, dann ist es Zeit für die so genannte boreale Krone, unser Leben vollends in angenehmere Bahnen zu lenken. Es wird wärmer, es sei Licht, und alles wird gut:

[Die boreale Krone wird] unter anderem den Geschmack des Meerwassers ändern [...], indem sie durch Erhöhung der borealen Zitronensäure die Teerpartikel des Seewassers auflösen oder fällen wird. Dieses boreale Fluidum wird zusammen mit dem Salz dem Meerwasser einen limonadeähnlichen Geschmack geben, den wir die "Zedernsäure" nennen.

Zugestanden, an dieser Stelle kratzt man sich am Kopf, Wissenschaftler war Fourier halt nicht, Aber fließt folgender Absatz nicht wie ranzige Butter in das Gewissen des bekümmerten Gut-Menschen?

Ihr Moralisten und Politiker, ihr Apostel des Irrtums! Nachdem eure Blindheit sich tausendfach bewiesen hat, wollt ihr da noch immer das Menschengeschlecht erleuchten? Die Nationen werden euch antworten: "Wenn eure Wissenschaften, die der Geist der Weisheit beseelt, nur Armut und Zerissenheit verewigt hat, dann gebt uns lieber eine Wissenschaft der Narrheit, wenn sie nur die Raserei beruhigt und das Elend der Völker erleichtert."
Limonadenfisch borealis Ach, statt dem Menschen Glück zu bringen, wie ihr verspracht, habt ihr ihn nur tiefer als das Tier erniedrigt. Wenn es dem Tier manchmal am Notwendigen fehlt, so denkt es doch nicht daran vorzusorgen, bevor es Mangel empfindet. Der Löwe, wohl gekleidet, wohl bewaffnet, nimmt seine Nahrung, wo er sie findet, ohne für eine Familie, ohne für morgen vorzusorgen. Sein Los ist besser als das der verschämten Armen, von denen eure Städte wimmeln, besser als das der Bedürftigen, die keine Arbeit finden, die von Gläubigern und Gerichtsvollziehern gepeinigt, nach vielen Erniedrigungen, an den Bettelstab kommen, die ihre Wunden, ihre Nacktheit und ihre hungernden Kinder durch die Straßen schleifen, die von ihren schauerlichen Klagen widerhallen! Das sind, ihr Philosophen, die bitteren Früchte eurer Wissenschaft: Armut und immer wieder Armut! (...)
Das Bild wandelt sich, und die Wahrheit, die ihr zu suchen vorgabt, wird erscheinen und euch beschämen. Es bleibt euch nur übrig, wie die sterbenden Gladiatoren ehrenhaft zu fallen. Bereitet selbst die Hekatombe vor, auf die die Wahrheit Anspruch hat, schwingt die Fackel, entfacht den Scheiterhaufen und verbrennt den ganzen Plunder eurer philosophischen Bibliotheken.

Die Limonadenmeere jetzt mal weggelassen: recht hat der Mann. Ich jedenfalls mach mir jetzt ein Gläschen Tee und verneige mich vor einem zwar seltsamen, aber interessanten Gehirn.

Alle Zitate entstammen der deutschen Übersetzung von Gertrud von Holzhausen in der Herausgeberschaft von Theodor W. Adorno 1966 (Europäische Verlagsanstalt Frankfurt)

Daniel Zimmel 2007 | automatically validated by PSGML  | last modified 20/06/03 (11:00)