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Der weiße Elefant. Eine Fabel.

Es ist nun schon eine Weile her, da stießen zwei mit mutigen Seefahrern verstopfte Schiffe, welche die ihnen vertrauten Gewässer bereits eine lange Zeit verlassen hatten, auf noch unbekannteres Land, das gleichzeitig festes war. Sie ankerten in einer Bucht seichten Wassers, und nachdem sie die Einheimischen schließlich hinter den ersten Kokospalmen verscharrt hatten, ließen sie sich nieder und pflanzten Tabak an.
Ihre Gesellschaft funktionierte gut, bis ihr Kapitän dem Biss einer Schlange erlag, die sich eines Nachts mit ihrem Giftzahn in seiner Wade verhakte. Als sich die Trauer der mittlerweile sesshaft gewordenen Seefahrer nun langsam erschöpft hatte, verfielen sie ob der trüben Aussichten eines herrschaftslosen Lebens in Panik, wurden apathisch und unproduktiv und litten gar fürchterlichen Hunger. Bis sie eines Tages auf die Idee kamen, sich einfach einen neuen Anführer zu züchten. Voller Hoffnung probierten sie einiges aus, und konnten nach einer Weile die Fleisch gewordene Saat ihrer Experimente aus der Erde schneiden: hervor kam ein riesenhafter Elefant von dem blendendsten Weiß, das sie je gesehen hatten. "Oho", riefen sie aus, "bestimmt weiß so ein gewaltiges Tier den rechten Weg für uns!". -- "Jawohl", meinte dieser, "da habt ihr recht, denn dafür habt ihr mich ja gezüchtet. Wohlan, ich will euch über die nächsten Schritte unterweisen." Und er gab ihnen Frauen dazu. Da feierten alle ein großes Fest, becherten bis zum Umfallen und rauchten von ihrem Kraut.Friede den Eckigen

Der Elefant lehrte die Menschen viele Dinge. Er war ein friedliebender Elefant. Doch das neu entdeckte Land war größer als zuerst gedacht, und es lauerten zahllose Gefahren hinter dem Horizont. Um den Frieden seiner Untertanen zu wahren, entfernte der Elefant verdächtig aussehende Lebensformen und zerstampfte vorsorglich die restlichen kleinen Siedlungen der Einheimischen auf dem Kontinent. Die Siedler dankten ihm für diese Vorsorge und beteten mehrmals am Tag für sein Seelenheil.
Nun war der Elefant von einer Schar Vögel umgeben, die ihn berieten. Zu seiner Linken saßen ein paar Tauben, zu seiner Rechten eine Schar Falken. Beide konnten sich nicht leiden, taten aber ihr Bestes, um ihren Boss nicht zu verärgern. Große Besorgnis nun umfaltete des Elefanten Stirn, als ihm einige Falken von beunruhigenden Meldungen aus Übersee berichteten: ein anderer Elefant, dazu noch von schwärzester Farbe, herrsche über ein anderes Volk, welches keinen so glücklichen Eindruck mache wie das eigene. Zwei seiner Berater erwähnten gar Gerüchte von schwarzen Segelschiffen, die in dem fremden Land mit allerlei spitzem Gerät beladen würden, wobei ihre Stimmen dramatische Purzelbäume schlugen.
Schrecken überfiel den weißen Elefanten. Und da er nichts mehr verabscheute als den Krieg und spitzes Gerät im Allgemeinen für sehr besorgniserregend erachtete, stellte er ein Heer seiner Untertanen zusammen und sandte es aus, auf dass es den Frieden bewahren würde und ihre Kultur in die Herzen der fremden Menschen tragen würde.

Das Heer stach in See und kam nach fünf Wochen in das schwarze Land. Sie steckten die Schiffe in Brand, versenkten die Überbleibsel aus Vorsichtsgründen aus der Ferne und waren froh, auf diese Weise kein spitzes Gerät jemals aus der Nähe entdecken zu müssen. Vorsorglich feuerten sie auch noch ordentliche Salven auf den Strand ab. Vom schwarzen Elefant war die ganze Zeit über nichts zu sehen (worüber sich die Seefahrer sehr freuten, denn sie hatten Schlimmes befürchtet). Zufrieden fuhren sie wieder zurück und berichteten voller Stolz von der erfolgreichen Mission. Der weiße Elefant lobte sie sehr und hielt eine Rede vor seinem Volk, in der er den Weltfrieden nach endgültiger Beseitigung aller Gefahren ausrief. Während die Falken heftig applaudierten, nickten die Tauben nur leicht mit dem Kopf und waren eigentlich auch ganz froh.

Und so lebten sie alle eine lange Zeit und rauchten eine Menge und hatten überhaupt viel Freude an ihrer Existenz.

Und nach hundert Jahren standen sie wieder am Ufer und lachten und verabschiedeten ihre Kinder, die bereit waren, in See zu stechen und neues Land zu entdecken und in Besitz zu nehmen um ihr Geschlecht überall zu verbreiten und den von ihren Vorfahren erkämpften Frieden zu sichern.

Und der weiße Elefant lebt immer noch und schaut voller Wohlwollen auf seine friedliche Welt.

Daniel Zimmel 2007 | automatically validated by PSGML  | last modified 20/06/03 (11:01)