Über die Dummheit der Existenz von Duschen
Duschen braucht im Grunde überhaupt kein Mensch. Ich lebe seit geraumer Zeit ohne Dusche. Am Beginn dieses Zeitgeraumes hatte ich noch das dringende Bedürfnis, möglichst oft öffentliche Plätze mit laufendem Wasser aufzusuchen, als da wären Bäder, Sporthallen und benachbarte Wohnhäuser. Eigentlich stehen sie überall zur Verfügung, diese Duschen, in tausendfacher Variation, mit festem wie laschem Strahl, Massagebrausen und tröpfelnde Schläuche, integriert in Badeschalen oder einfache Abflussbecken. Doch mit Luxus oder ohne: wer hat sich schon einmal Gedanken über die Geschichte der Dusche gemacht?
Die Kulturgeschichte der Dusche setzt erst relativ spät an. Gebadet wurde in der Steinzeit recht ungern, Quellen belegen eine Abneigung des Urzeitmenschen zum feuchten Element. So schreibt zum Beispiel Esser-Brockmann in seinem zum Klassiker avancierten Buch Hygienische Sitten der Jungsteinzeit (1964): "Nach getaner Jagd war eine Reinigung der benutzten Körperteile nur selten vorgesehen; Körperpflege war kein Bestandteil der Kultur weder des jagenden Mannes noch der den Nachwuchs großziehenden Frau". Die Römer trieben es ja angeblich mit ihren opulenten Thermen am wildesten mit dem Badezwang.
Die Dusche ist gewiss eine seltsame Erfindung: Wasser rinnt in
unglaublicher Menge jeden Tag durch Millionen von Brauseköpfen
und verabschiedet sich im Abfluss, gesättigt meist von nur wenig
Schmutz von sowieso sauberen Büromenschen.
Man überlege sich einmal, welche Unmengen von kostbarem Wasser durch
die elenden Duschen verschwendet wird. Literweise fließt das Nass über
aufgeweichte Körper, minutenlang, oft lassen es die Menschen einfach
nutzlos im Abfluss versickern, während sie sich säuberlich einseifen
und dabei die maximale Duschbreite ausnutzen, um sich von dem Wasser
fernzuhalten, dass auch ja keine Seife vom Wasser vorzeitig weggespült
würde (andererseits, es sei hier erwähnt, dass viele Leute auch
aufgrund mangelnder Raumkapazität ihre Brause ausstellen. Das aber
gewiss nicht aus Spargründen, sondern aus pragmatischem Denken
heraus).
Kehren wir zurück zu meinem anfänglichen Wahn, ohne Dusche wäre schwer
zu leben. Firlefanz!
Für eine gründliche
Säuberung mitsamt kritischer, flüssigkeits- und schmutzbehafteter
Körperstellen und -teile reicht ein halber Liter Seifenwasser; der mit
abstrakten Zahlen wenig vertraute Leser stelle sich einfach eine
halbe Tüte Milch vor, oder ein süffiges Bier in seiner
Lieblingskneipe. Kleinere Personen (so unter 1 Meter 60) brauchen noch
weniger. Ob das auch für die Haarpracht, die auf so manchem Haupte
ruht, reicht, ist Ermessensfrage. Eine Rasur des Kopfes ist also keine
schlechte Sache, bleibt aber jedem nach seinen ästhetischen Vorlieben
selbst überlassen. Natürlich darf man auch lange Haare haben. Eine
Dusche braucht man aber auch dafür nicht.
Diese Menge Wasser also, sorgfältig abgemessen (mit der Zeit dürfte
ein kritisches Auge auch die richtige Menge mit dem Daumen abmessen
können) am besten in ein Waschbecken (falls nicht vorhanden, tut es
auch ein Eimer, oder sogar der erwähnte Bierkrug) füllen und mit einer
Seife oder seifenartigen Verbindung in Mischung bringen. Das
schäumende Gebräu ist sofort benutzbar und kann mittels Waschlappen,
von denen auch je nach Anzahl der kritischen Stellen individuell
Mehrfachexemplare benutzt werden können, auf die Haut aufgetragen
werden. Dabei ist für eine anständige Unterlage zu sorgen, denn der
Boden könnte etwas anfeuchten. Es empfiehlt sich Zeitungspapier,
Putzlumpen, oder gleich nach draussen gehen, wenn es die Witterung
erlaubt -- regnet es, dann ist ja der Sinn der Reinigung verloren
(Gewiefte können natürlich auch den Regen nutzen: also mitdenken!);
einziges Problem ist dabei, eine sichtgeschützte Stelle zu finden,
denn auch bei eigener Überzeugung der körperlichen Ästhetik kann dies
zu Komplikationen mit allzu aufmerksamen nachbarschaftlichen
aus-dem-Fenster-lehnenden sittenstrengen Witwen führen, und die
Polizei hat wohl niemand gerne im Haus. Nein, das eigene Bad (oder,
bei Nichtvorhandensein, die Besenkammer, oder auch die Küche) ist
besser.
Ratzfatz wird also die Haut porentief von Schmutz gesäubert, wobei die
rubbelnde Wirkung des Waschlappens möglichst ausgenutzt werden
sollte. Die Benutzung von vorgerührtem Seifenwasser hat auch den
Vorteil, dass sofort, ohne abduschen, mit einem Handtuch der Körper
getrocknet werden kann. Man beachte die (je nach Duschgel/Seife)
frisch duftende Haut. Insgesamt dauert das ganze inklusive Trocknung
etwa genauso viel wie herkömmliches Duschen, und dabei ist der Körper
genauso rein wie bei letzterem, bei hinreichend genutztem Rubbeleffekt
vielleicht sogar reiner!
Wenn man sich dann noch überlegt, dass das gesparte Wasser schon fast wieder für einen Geschirrspülermaschinenwaschgang reicht, dann ist man eins mit sich und der Welt und darf sich mit dringenderen Weltproblemen beschäftigen, zum Beispiel der Armut oder der Erhaltung von Frieden auf breiter Ebene. Viele Leute auf dieser Welt besitzen keinerlei Dusche und leben, frei von Zynismus, trotzdem. Ich plädiere also für eine komplette Abschaffung jeglicher Dusch- und Brausesysteme in Privathaushalten vor allem in den Industrieländern. Eine Einrichtung in Schwimmbädern darf erlaubt sein, um den Nostalgiegefühlen der Bürger Genüge zu tun. Private Duschen aber schaden der Umwelt, regen zur Faulheit an und sind auch sonst total überflüssig.